Bogensee – Altlast, Ladenhüter, Geschichts- und Entdeckungsraum, Berliner Enklave im Umland

Eingangsbereich des "Landhaus Bogensee"
Eingangsbereich des „Landhaus Bogensee“

Seit 1919 ist das ca. 5.000 Hektar umfassende Gut Lanke inklusive dem Bogensee (mit kurzer Unterbrechung) „ein Stück Berlin im Umland“. Zu dieser Zeit erwarb der Magistrat von Berlin das Areal von Graf Wilhelm von Redern. Ein Argument für den Kauf war seinerzeit die Sicherung von Natur- und Landschaftsraum in ihrer Bedeutung für den Wasserhaushalt, die Luftreinhaltung und ihren Erholungsfunktionen sowie der Schutz vor Bebauung und Bodenspekulation. So prägen bis in die Gegenwart forstwirtschaftliche Nutzungen (Berliner Forsten) weite Teile des Gutes.

Für die Bebauungsgeschichte des Areals war die Nähe zu den Willenkolonien gesellschaftlicher (und politischer) Größen (z.B. Wandlitz) als auch die geografische Nähe zur Hauptstadt Berlin von entscheidender Bedeutung. Diese prägte bis zur Wiedervereinigung die Entwicklung und Nutzung des Standortes.

1936 verschenkte Berlin ca. 470 Hektar Land inklusive einer eigens errichteten Blockhütte am östlichen Ufer des Bogensees an den Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels auf Lebenszeit(Anlass hierfür bot Goebbels 39. Geburtstag). Goebbels ließ sich bis 1939 ein „repräsentativeres“ Domizil (30 Zimmer, 1600m² Grundfläche) errichten (siehe Foto). Ergänzend hierzu erfolgten weitere Erweiterungen, wie der Bau eines Wirtschaftsgebäudes, eines Gasthauses sowie eines eigenen Hausbunkers (1944). Das Goebbelsche Domizil entwickelte sich zu einem beliebten Treffpunkt von Künstlern und Schauspielern der Zeit.

"Landhaus Bogensee"
„Landhaus Bogensee“

In den letzten Tagen des Krieges bis ins Jahr 1946 hinein wurden die Gebäude als Lazarett genutzt. Zwei Tage nach Gründung der Freien Deutschen Jugend (am 9.03.1946) wurden Areal und Gebäude von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) an eben diese Instittution übergeben, welche hier eine Jugendhochschule einrichtete.

In den 1950’er Jahren erfolgten wesentliche Um- und Ergänzungsbauten, sowie Gestaltungsmaßnahmen im Bereich der Grün- und Freiflächen, welche das Bauensemble und seine Campus-Charakteristik bis in die Gegenwart prägen (letzte Erweiterungen aus DDR-Zeiten entstanden in den 80’er Jahren).

„Haus Berlin“ ehem. Haupthaus der FDJ Hochschule

Mit der Wiedervereinigung brach die Funktion als „Bildungsstandort“ zusammen und das Gelände und seine Gebäude wurden in Besitz des Landes Berlin überführt. Alle Nachfolgenutzungen und Nutzer konnten das Gelände nicht mehr in Gänze auslasten und scheiterten in Teilen an der wirtschaftlichen Tragfähigkeit der Nutzungskonzepte sowie hohen Betriebs- und Instandhaltungskosten. So betrieb hier beispielsweise der Internationale Bund für Sozialarbeit zwischen 1991 und 1999 das Internationale Bildungszentrum (IBC). Bis 2006 nutzte die Berliner Polizei das Areal noch sporadisch für Seminare und zur Unterbringung von Bereitschaftspolizisten. Jedoch sind inzwischen aus Kostengründen wesentliche Gebäude von Medien wie Strom und Wasser abgetrennt worden. Derzeit zählt eine Waldschule zu den wenigen verbleibenden Nutzern auf dem Gelände.

Geländeimpressionen I
Geländeimpressionen I

Seit der Wiedervereinigung hat das Land Berlin mehrere Versuche unternommen das Gelände neuen Nutzungen zuzuführen und es zu veräußern. Derzeit steht das zusehends verfallene Gelände einmal mehr in der Öffentlichkeit, da der Berliner Liegenschaftsfonds das Areal erneut zum Gegenstand eines Ausschreibungs-/Bieterverfahrens macht (siehe hierzu: Berliner Zeitung vom 04.09.2013: „Alte FDJ-Kaderschmiede: Ladenhüter am Bogensee“). Ob dieser erneute Anlauf von Erfolg gekrönt wird bzw. an dieser Stelle für „frischen Wind“ sorgt, bleibt abzuwarten.

Geländeimpressionen II
Geländeimpressionen II

Derzeit bietet der Anbieter go2know Fototouren für Gelände und Gebäude an (siehe hier). Aber auch für einen reinen Besuch mit Picknickkorb und/oder einen Spaziergang bietet das Areal besondere Qualitäten. Gerade das Aufeinandertreffen der Einflüsse aus NS- und DDR-Architektur macht das Gelände zu einem interessanten Ausflugsziel.

Blick von der Terrasse des "Haus Berlin" in Richtung "Haus Bogensee"
Blick von der Terrasse des „Haus Berlin“ in Richtung „Haus Bogensee“
Christoph Albrecht Verfasst von:

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