Kirchliche Infrastrukturen im Fluß (I) – fragmentarische Eindrücke der Evangelischen Kirche in Deutschland


A small introduction in English:
The following article tries to sum up some basic information of the development of the Evangelical Church in Germany (a national federation formed through 20 Lutheran, Reformed and United regional churches (Landeskirchen)). The presented data and information was gathered through reviews of public and institutional statistics. This means that the content is reproducible. The aim of this article is to develop a deeper understanding for the development of religious infrastructure (churches and chapels) in Germany. The article tries to visualize the development of religious core infrastructures and the development of membership (share of total population) through a generalised comparison at level of the regional churches. The outcome underlines the existance of disparities (North-South/East-West). It also hints on possible abberrations in infrastructure development and the (ever existing) need to stress the necessitty of institutional self-reflection in order to secure a sustainable development (for institution and infrastructure) in the long run.


Memoria Urbana (Silhouette der ehem. Bethlehemskirche (Berlin)) (2012)
Memoria Urbana (Silhouette der ehem. Bethlehemskirche (Berlin)) (2012)

Heiligabend, der „Hochtag“ des Kirchenjahres – wenn man diesen anhand der quantitativen Glaubensauslebung definiert – liegt hinter uns. Die Zahl derjenigen, die an diesem Tag ein Gotteshaus besuchen ist mit ca. 8.5 Millionen in etwa 10 mal so groß, wie die Besucherquoten an einem „durchschnittlichen“ Sonntag (Bezug Invokavit). Ein Tag, an dem christliche Gotteshäuser aus allen Nähten platzen, man sich nicht selten um Sitzplätze streitet oder Gottesdienste gar stehend genießt. Doch solche Tage und Zustände sind im Alltag des Jahres eher die Ausnahme.

Ich nehme diese Diskrepanz als Anlass und Motivation für ein kleines Experiment, den Versuch hier einen kleinen Denkanstoß zu setzen und den Diskurs um das Thema „Zukunft Kirche“ gelöst von grundsätzlichen theologischen oder sozialen Fragestellungen mit dem analytischen Blickwinkel eines Stadt- und Regionalplaners anzugehen und – so meine Hoffnung – vielleicht auf diesem Weg einen kritischeren aber dennoch auf Zukunftsfähigkeit ausgerichteten Diskurs über das Thema Infrastruktur Kirch zu befördern/unterstützen.

In einem Blogformat wie diesem kann das mit Sicherheit nur fragmenthaft erfolgen, dennoch hoffe ich das die präsentierten Inhalte nicht zu oberflächlich bleiben. Für Anregungen und Meinungen bin ich dankbar.

Zielstellung dieses Beitrags ist es auf Basis der begrenzten öffentlich zugänglichen Informationen (das heißt auch unter Reproduzierbarkeitsgebot) einen Einblick in die Institutionenentwicklung und im speziellen der Entwicklung ihres Infrastrukturbestandes (Kirchen, Kapellen,…) zu geben. Hierbei liegt der Betrachtungsschwerpunkt auf der „großmaßstäbigen“ Ebene der Landeskirchen. Bedingt durch die bereits angedeutete schlechte Datenverfügbarkeit bleibt der Einblick an dieser Stelle zunächst auf das Beispiel der evangelischen/protestantischen/reformierten christlichen Institutionen (Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)) begrenzt.

Für ein besseres Verständnis… „Die eine protestantische Kirche auf gesamtdeutscher Ebene gibt es nicht!“
So ist die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein institutionalisierter Zusammenschluss/Dachverband von (derzeit noch) 20 eigenständigen lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen. Die Ebene der Landeskirchen ist hinsichtlich der Entwicklung kirchlicher Kerninfrastrukturen (Kapellen, Kirchen,…) sowie für die Interaktion und Regelungen zwischen öffentlichen Akteuren und kirchlichen Institutionen die derzeit bedeutendere Handlungs- und Entscheidungsebene.

Die folgende erste Darstellung versucht einen Überblick über die „Beschaffenheit“ EKD und die Untergliederung der territorialen Zuständigkeiten der Mitgliedskirchen zu geben. Deutlich werden „Abgrenzungen“, die nur in Teilen öffentlich-rechtlichen Grenzziehungen (Landesgrenzen) entsprechen. In den gegenwärtigen kirchlich-territorialen Zuständigkeiten und Strukturen spiegeln sich Eigenheiten und Eigentümlichkeiten der Geschichte und insbesondere der Siedlungsgeschichte wider. So begrenzt sich beispielsweise die Zuständigkeit der Bremischen Evangelischen Kirche zwar nicht auf das Gebiet der Hansestadt (Stichwort Filialkirchen im Umland), jedoch hat diese Landeskirche in Bremerhaven lediglich eine Gemeinde, wohingegen die übrigen Gemeinden heute mehrheitlich zur Landeskirche Hannovers gehören (Konservierung des Zustandes vor der öffentlich-rechtlichen Vereinigung von Bremen und Bremerhaven 1939). Ein anderes Beispiel bildet die Evangelisch-reformierte Kirche, die im eigentlichen keine territoriale Zuständigkeit hat. Ihre Niederlassungen befinden sich im Wesentlichen auf dem Gebiet der Landeskirche Hannovers.

Die Mitgliedskirchen der EKD (regional churches of the Evangelical Church in Germany), 11/2013
Die Mitgliedskirchen der EKD (regional churches of the Evangelical Church in Germany), 11/2013

Nähern wir uns fragmentarisch dem Thema Mitgliederentwicklung.
Häufig wird dieses Themenfeld in der öffentlichen Diskussion ausschließlich unter dem verengten Betrachtungswinkel „genereller Mitgliederschwund“ diskutiert. Dieser Ansatz wird der Realität nur in Teilen gerecht, da er die Heterogenität der verschiedenen entwicklungsbeeinflussenden Faktoren und ihre regional durchaus auch abweichenden Ausprägungen vernachlässigt. Wichtige, häufig nicht im notwendigen Umfang berücksichtigte Schlagworte, wie Alterung, Individualisierung, quantitative und qualitative Veränderungen der generellen Bevölkerungsstruktur, etc., welche regional unterschiedliche Herausforderungslagen befördern, bleiben auch an dieser Stelle (vorerst) unberücksichtigt bzw. nicht ausreichend berücksichtigt.
In der Mitgliederentwicklung spiegeln sich aber nicht nur gesamtgesellschaftlich wirksame Entwicklungstendenzen wider, sondern auch die Vielfalt landeskirchlicher Gepflogenheiten, historische Entwicklungen und Mentalitäten mit unterschiedlichen Affinitäten und Bindungsbestrebungen an kirchliche Institutionen. Auch dies stützt die Existenz „regionaler Unterschiede“ und teilräumlich unterschiedliche Entwicklungen sowie (Entwicklungs-)Dynamiken.

Folgende Darstellungen versuchen eben jene angedeutete „Unterschiedlichkeit“ anhand einer vergleichenden Betrachtung des evangelischen Anteils der Bevölkerung (mit Bezug auf die jeweilige EKD-Gliedkirche) sowie einer „detaillierteren“ Darstellung der Entwicklungsdynamiken und -tendenzen wiederzugeben.

EKD-Mitlglieder als Anteil der Bevölkerung im Vergleich 2003 / 2011
EKD-Mitlglieder als Anteil der Bevölkerung im Vergleich 2003 / 2011 (church membership as share of total population in comparison between 2003 and 2011)
Veränderung des Anteils von EKD-Mitgliedern an der Gesamtbevölkerung (links) und relativer Mitgliederschwund zwischen 2003 und 2011
Veränderung des Anteils von EKD-Mitgliedern an der Gesamtbevölkerung (links) und relativer Mitgliederschwund zwischen 2003 und 2011 (rechts) (relative changes in church membership as share of total popupulation between 2003 and 2011 (left)/relative decrease of membership rates between 2003 and 2011 (right))

Mit dem Bestreben an dieser Stelle nicht zu tief ins Detail zu gehen ein paar zentrale stichpunktartige Aussagen zu den präsentierten Analyseergebnissen und der institutionellen Entwicklung im Betrachtungszeitraum 2003-2011:
– Gesamttrend der Mitgliederentwicklung bleibt die „Abnahme“. Sie vollzieht sich nicht allein als quantitative Abnahme der Mitgliedszahlen sondern auch als qualitativ wirksame Reduktion des Mitgliederanteils an der Bevölkerung.
– Existenz eines Ost-West- sowie Nord-Süd-Gefälles hinsichtlich der Ausprägung religiöser Affinitäten als auch in Bezug auf Entwicklungsdynamiken.
– Die Entwicklungsdynamik der östlichen Landeskirchen sowie Teilen der nördlichen Landeskirchen ist weitaus „größer“ als in den südlichen Landeskirchen. Im Betrachtungszeitraum 2003-2011 sind hier sowohl die Abnahme der Mitgliedszahlen (absolut) als auch die Reduktion des Anteils an Mitgliedern an der Bevölkerung im Durchschnitt um den „Faktor 2“ größer als in den übrigen Landeskirchen.

Aus Blickwinkel der Stadt- und Regionalentwicklung verbindet sich mit diesen ersten Analysen natürlich die Frage, inwiefern sich beschriebene Entwicklungstendenzen und absehbare Entwicklungen auf die Entwicklung des (Kern)Infrastrukturbestandes (Kirchen, Kapellen, Gemeindezentren,…) auswirken.
Einen ersten Ansatz zur Beantwortung dieser Fragestellung liefert eine Grobanalyse des Infrastrukturbestandes der EKD anhand verfügbarer örrentlicher Statistiken. Der analysierte, öffentlich zugängliche Datenbestand verdeutlicht, dass ein relativ hoher Anteil an kirchlichen Kernimmobilien unter Denkmalschutz steht. So fallen derzeit je nach Landeskirche zwischen 36,6% (Minimalwert) und 97,2% (Maximalwert) der Kernimmobilien unter die landesrechtlich definierten Regularien des Denkmalschutzes.
Unerwartet niedrig erscheint die Anzahl der umgenutzten, vermieteten und ungenutzten Kirchen, Kapellen und Gemeindezentren. In „größerem Umfang“ sind derartige „Phänomene“ statistisch für die Landeskirche von Westfalen, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland sowie die Evangelische Kirche im Rheinland nachweisbar.
Aussagen zur Struktur und Entwicklung des kirchlichen Immobilienbestandes in seiner Gesamtheit (also über die Entwicklung im Bereich der Kernimmobilien hinaus) sowie Aussagen zu den qualitativen Eigenschaften des Bestandes (z.B. Größe, Kapazitäten, Zustand, Ausstattung,…) sind anhand der öffentlich zugänglichen Statistiken und Quellen kaum möglich.

Immobilienbestand der EKD 2011/1994
Immobilienbestand der EKD 2011/1994 (real estate portfolio (core infrastructures)(share of core infrastructures falling under preservation order/ unused,reused and rented out (core infrastructures))
Immobilienbestand der EKD in Relation zu den Mitgliedern der Landeskirchen und in Veränderung 1990 – 2011
Immobilienbestand der EKD in Relation zu den Mitgliedern der Landeskirchen und in Veränderung 1990 – 2011 (quantities of members per building (core infrastructure) (left); development of real estate portfolio between 1990 and 2011(right))

Welche Kernaussagen lassen sich aus den vorherigen Darstellungen entnehmen?
– Christliche Kerninfrastrukturen genießen – sofern man dies am öffentlich-rechtlichen Denkmalstatus festmacht – auch in der Gegenwart einen hohen Stellenwert als soziokulturelles, historischen, baukulturelles Erbe der Allgemeinheit.
– Der landeskirchenbezogene Vergleich (2011) offenbart immense Unterschiede im Verhältnis zwischen der Mitgliedsanzahl und der Anzahl landeskirchlicher Kerninfrastrukturen.
– Im Betrachtungszeitraum 1990 bis 2011 sind gerade für die östlichen und südlichen Gliedkirchen in der Gesamtbilanzierung Zugänge zum Infrastrukturbestand zu beobachten. Eine eindeutige Interpretation dieser Entwicklung ist anhand der zu Grunde liegenden statistischen Daten/Informationen schwer möglich. Gerade für die östlichen Gliedkirchen ist anzunehmen, dass sich in der Entwicklung des Infrastrukturbedarfes seit 1990 in Analogie zur Entwicklung öffentlicher Infrastrukturen vielfach Nachholbedarfe, Restrukturierungsbedarfe, Instandsetzungs- und Erneuerungsbedarfe sowie Rückübertragungen und „Entwicklungseuphorie“ der Nachwendezeit widerspiegeln. Demgegenüber liegt für die südlichen Landeskirchen die Vermutung nahe, dass sich hier festzustellende Zuwächse aus Veränderungen der lokalen Bedarfe (z.B. Erhöhung des lokalen Mitgliederanteils durch Migration) begründen.
– Erwähnenswerte Reduktionen des Bestandes an Kerninfrastrukturen konzentrieren sich im Wesentlichen auf die nordwestlichen Gliedkirchen Westfalen, Hannover und Rheinland. Diese Regionen gehören (2011) zu den Regionen mit relativ hohen Mitgliedszahlen je Kerninfrastruktur (1500 und mehr Mitglieder je Kirche/Kapelle/Gemeindezentrum).


Konzerthaus Neubrandenburg (ehem. Marienkirche) (2012)
Konzerthaus Neubrandenburg (ehem. Marienkirche) (2012)

Ein kurzes Fazit:
Auch wenn die präsentierten Daten sehr begrenzt sind, so zeichnen die Aufbereitungen und Darstellungen dennoch ein ungefähres Bild gegenwärtiger und regional unterschiedlicher Entwicklungen mit ihren Gefahren, Chancen, Potentialen und Herausforderungen.
Deutlich werden insbesondere die im Gesamtbild gegensätzlichen Entwicklungstendenzen in den Bereichen Mitgliederentwicklung und Entwicklung des Bestands an Kernimmobilien (Kirchen, Kapellen, Gemeindezentren). Im Interesse der Sicherung einer „zukunftsfähigen Entwicklung“ von Institution und Immobilienbestand ist dieser Gegensatz durchaus kritisch-reflektierend zu hinterfragen. Denn im Grundsatz kann es nicht darum gehen quantitativer Schrumpfung (Mitglieder) mit quantitativem Wachstum (Kernimmobilien) zu begegnen. Dennoch gehen mit dem Auftrag „Sicherung von Zukunftsfähigkeit“ notwendige qualitative Anpassungen – gerade auch im baulich-physischen Bereich – einher. Hierbei gilt es sich verändernde Nutzeransprüche (z.B. Sicherung von barrierefreien Zugängen; Flexibilisierung von Raumnutzungsoptionen) aber auch gesamtgesellschaftlich wirksame Leitentwicklungen (z.B. Klimaschutz und Ressourceneffizienz) stärker als bisher auch bei Umbau- und Anpassungsmaßnahmen zu berücksichtigen.

Ein an dieser Stelle vernachlässigtes aber dennoch unabdingbares Element zukunftsfähiger Entwicklung und Maßstab der Beurteilung von Anpassungen und Veränderungen bleibt – zumindest nach Verständnis des Autors – die intra- und intergenerative Gerechtigkeit. So gilt es Strukturen und Bestände bereits in der Gegenwart und nach gegenwärtigem Kenntnisstand so zu gestalten, dass auch zukünftige Generationen hiermit ihr Auskommen haben und sich diese nicht mit scheinbar unlösbaren Fragestellungen ökonomischer und sozialer Tragfähigkeit konfrontiert sehen, sondern diese eben auch über Handlungs-, Gestaltungs- und Entscheidungsspielräume verfügen. Eine gegebenenfalls hilfreiche Größe bei der aktiven Gestaltung der der hierfür notwendigen Prozesse sollte folgende Gewissheit sein: In den sich christlichen Institutionen stellenden Herausforderungen und Entwicklungsperspektiven spiegeln sich gesamtgesellschaftlich wirksame Entwicklungen wieder. So stellen sich auch in anderen Infrastrukturbereichen und anderen Infrastrukturträgern (z.B. öffentliche Hand) vergleichbare Herausforderungen. Nicht zuletzt deshalb sollten auf Kooperation sowie Wissens- und Erfahrungstransfer ausgelegte lernende Steuerungsprozesse und -systeme ein wichtiges Element der reflektierenden Auseinandersetzung mit der aktiven Gestaltung von „Zukunft“ bilden und stärker als bisher Anwendung finden.

An dieser Stelle endet dieser kleine Exkurs in den Bereich kirchlicher Infrastruktur- und Institutionenentwicklung. Ich hoffe den einen oder anderen Denkanstoß formuliert zu haben. Ich hoffe auch, dass deutlich wurde, dass das Thema „Zukunft christlicher Institutionen“ mehr als ein rein theologisches ist.

Dachkonstruktion der Zionskirche Berlin
Dachkonstruktion der Zionskirche Berlin
Christoph Albrecht Verfasst von:

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